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Mythos „Deutscher Wald“

27.05.2026

Über die politische Vereinnahmung von Landschaften

Der frühe Volkskundler Wilhelm Heinrich Riehl (1823-1897) verwendete oft Naturbilder, um positive Volkseigenschaften hervorzuheben. So waren Flüsse für ihn ein Symbol für das „lebendig dahinwallende Volk“. Am Beispiel des Rheins behauptete Riehl: „Geschichte, Volksleben und Natur sind in prächtiger Harmonie durch den Stromlauf mitbestimmt und verbunden.“ Landschaften waren für Riehl mehr als Metaphern. Sein gesamtes Denken war von der Klimatheorie bestimmt, das heißt, er verknüpfte bestimmte Landschaftstypen mit dem Nationalcharakter eines Volkes.

Riehl erklärte den „Deutschen Wald“ gegenüber dem englischen Park und dem französischen Feld zur typischen Nationalnatur. Durch diese Naturvergleiche sollte Deutschland auf- und andere Nationen abgewertet werden. Auch ging er davon aus, dass der Mensch von der Landschaft, in der er aufwächst, charakterlich geprägt wird. Diese Überlegungen mündeten in antijüdische Ressentiments. Dem vaterlandslosen und daher widernatürlichen (jüdischen) Kosmopolitismus stellte er das deutsche Landvolk, dem großstädtischen, jüdischen „Schacherer“ den ehrlich arbeitenden Bauern und Handwerker gegenüber.

Den Keim des Mythos „Deutscher Wald“ legte jedoch bereits der römische Geschichtsschreiber Tacitus um das Jahr 100 nach der Zeitenwende. In seiner Germania schildert er das Land östlich des Rheins als „durch seine Wälder grauenerregend“. Obwohl er das germanische Gebiet nicht aus eigener Anschauung kannte, schloss er von der rauen Umwelt und dem kargen Klima auf den Charakter der dort lebenden Völker. Laut Tacitus hätte das Walddickicht ihnen einen unschätzbaren Vorteil bei der „Schlacht im Teutoburger Wald“ gegeben. Hier besiegte Hermann der Cherusker den römischen Feldherrn Varus mit seinen drei Legionen und beendete damit die römischen Versuche, die rechtsrheinischen Gebiete Germaniens zu unterwerfen.

Die explizite Verortung der Germanen im Wald und Tacitus’ Darstellung Arminius’ als Befreier Germaniens von der Weltmacht Rom griffen Publizisten und Dichter zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf. Unter dem Eindruck des Endes des Heiligen Römischen Reiches 1806 und der antifranzösischen „Befreiungskriege“ von 1813 bis 1815 wurden Wald, Deutschtum und Nation auf der Suche nach kollektiver Identität miteinander verknüpft.

Die dabei transportierten antisemitischen und rassistischen Stereotype passten perfekt in die NS-Ideologie. Die vermeintlich natürliche Überlegenheit des germanischen „Waldvolkes“ gegenüber dem jüdischen „Nomaden- und Wüstenvolk“ ließ sich problemlos in die „Blut-und-Boden“-Ideologie einbetten.

Anspruch und Wirklichkeit klafften in der NS-Zeit jedoch weit auseinander: Zwar wurde die Holzwirtschaft auf Dauerwaldwirtschaft umgestellt und es sollten germanische Urwälder entstehen, doch die Kriegswirtschaft führte zu einer extensiven Abholzung der Waldbestände. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion verlagerte sich der Raubbau in die „eingegliederten Ostgebiete“. Propagandistisch wurde jedoch das Gegenteil in den Vordergrund gestellt: Dort sollte großflächig aufgeforstet werden, damit sich das „nordische und deutsche Blut“ der dort anzusiedelnden Wehrbauern in den „öden, baumlosen Kultursteppen“ halten könne. Die ansässige Bevölkerung sollte deportiert oder vernichtet werden, da den „Slawen“ jeder positive Bezug zum Wald abgesprochen wurde.

Nach 1945 trat der ‚Deutsche Wald‘ aus der offenen NS-Ideologie zurück, blieb aber als vermeintlich unpolitisches Nationalsymbol weiterhin wirksam – etwa in Heimatfilmen und Hymnenentwürfen als Mittel zur Verarbeitung von Niederlage und Neuordnung.

Die untrennbare Verbindung von Wald und Volk spielt auch heute noch in extrem rechten Kreisen eine wichtige Rolle. So widmete das neu-rechte Umweltmagazin Die Kehre im Frühjahr 2024 dem Wald einen Schwerpunkt. Chefredakteur Jonas Schick, Aktivist der Identitären Bewegung und mittlerweile beim AfD-Bundestagsabgeordneten René Springer beschäftigt, hebt darin die Bedeutung des oben erwähnten Wilhelm Heinrich Riehl für die deutsche Rechte hervor. Der Wald sei „formgebender Faktor der Volksseele“ und der Liberalismus als Zerstörer dieser „Volklichkeit“ abzulehnen. Die AfD stellt Waldschutz und Klimaschutz regelmäßig gegeneinander und behauptet dabei fälschlich, Windkraftanlagen würden große Teile des Waldes vernichten.

In der Breite der Gesellschaft ist der Wald heute kein primäres Nationalsymbol mehr. Stattdessen werden an ihm Fragen von Klimawandel, Umweltproblemen, Tourismus und Wirtschaftlichkeit verhandelt. Doch manchmal blitzt die Ideengeschichte des Walds noch auf — sei es beim Eichenlaub auf Cent-Münzen oder beim Narrativ der „Deutschen Eiche“. Bei allen, auch gut gemeinten Naturbildern sollten wir uns bewusst machen: Bäume haben weder politische noch nationale Vorlieben.

Florian Teller, Referent für Kommunikation bei FARN

Hier entlang zum Waldspaziergang und weiteren Bildungsformaten

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